Kinderwunsch mit Rheuma

Kinderwunsch und Rheuma?

Kein Problem. Aber auch keine Angelegenheit, die Rheuma-Patienten auf die leichte Schulter nehmen sollten, denn eine Schwangerschaft stellt für chronisch kranke Patientinnen eine zusätzliche Belastung dar und macht unter Umständen eine Umstellung der Medikation erforderlich.

Tatsächlich gibt es einige Patientinnen, deren Symptome sich erstaunlicherweise während einer Schwangerschaft bessern, die also nicht unbedingt auf Medikamente in dieser Zeit angewiesen sind. Zu beobachten ist dieses Phänomen bei Rheumatoider Arthritis oder Juveniler Idiopathischer Arthritis. Offensichtlich führt die Schwangerschaft zu einer Veränderung im Hormonhaushalt und im Immunsystem, die eine fast therapeutische Wirkung hat, denn es ist während dieser Zeit ein deutlicher Anstieg an entzündungshemmenden Substanzen im Blut nachgewiesen.

Aber nicht jede Erkrankung des rheumatischen Formenkreises bessert sich während einer Schwangerschaft. Viele Krankheiten bleiben aktiv oder verschlechtern sich, so dass die Zeit bis zur Geburt nicht ohne Medikamente möglich ist. Eine derartige vorübergehende Verstärkung der Symptome konnte unter anderem bei Morbus Bechterew, Lupus Erythematodes und Fibromyalgie beobachtet werden.

Nach der Entbindung müssen Frauen mit rheumatischen Erkrankungen in 90 % aller Fälle mit einem Schub rechnen, der die Einnahme von Medikamente dringend erforderlich und gegebenenfalls ein Stillen unmöglich macht. Dazu kommt eine nicht vorhersehbare Reaktion auf die jeweilige Medikation. Während der Schwangerschaft kann der Körper völlig anders auf bestimmte Medikamente reagieren als im „Normalzustand“.

Wenn es sich vermeiden lässt, sollte eine Schwangerschaft ihren Beginn nicht während eines Schubes nehmen. Krankheitssymptome können sich sonst unverhältnismäßig verstärken und den Schwangerschaftsverlauf unnötig komplizieren. Darüber hinaus fällt es sicher vielen Patientinnen schwer, in Zeiten eines Schubes auf eine Basistherapie zu verzichten, die jedoch grundsätzlich vor einer möglichen Empfängnis ausgesetzt werden sollte.

Verschiedene Medikamente sind während einer Schwangerschaft „kontraindiziert“ und dürfen daher vor oder während der Schwangerschaft bzw. der Stillzeit nicht eingenommen werden. Einige von ihnen haben eine „teratogene“ Wirkung (Teratogene sind äußere Einwirkungen, die Fehlbildungen hervorrufen.)

Verschiedenen Studien zufolge müssen Patientinnen mit Rheumatoider Arthritis länger als gesunde Frauen warten, bis sie schwanger werden. Die Gefahr, an Gestosen (schwangerschaftsbedingten Stoffwechselstörungen) zu erkranken ist – wie bei Diabetikerinnen – erhöht. Nicht nur aus diesem Grund sind regelmäßige Kontrollen beim Arzt ein Muss. Auf die Entwicklung des Kindes hat die Krankheit selbst keinen Einfluss – nur eine mögliche Medikation.


Medikamente während der Schwangerschaft

Statistische Werte über Medikamente während der Schwangerschaft liegen nur in unzureichender Form vor – aber wen wundert es? An den Ergebnissen von Tierversuchen kann man sich orientieren, aber sie lassen selten keine gesicherten Schlussfolgerungen auf die Reaktionen von Menschen auf das jeweilige Medikament zu. Und wer möchte schon die Unversehrtheit seines eigenen Nachwuchses aufs Spiel setzen, um fundierte Werte zu erhalten? Wenn also Aussagen über die Nebenwirkungen eines Präparates während der Schwangerschaft getroffen werden, dann beziehen sie sich meist auf Berichte aus Schwangerschaften, während deren die Medikamente versehentlich weitergenommen wurden. Ihre Zahl ist allerdings relativ klein und daher oft nicht besonders aussagekräftig.

Liest man – wie empfohlen – die Packungsbeilage, so wird man feststellen, dass die Hersteller sich gern auf die sichere Seite begeben, indem sie die Anwendung des jeweiligen Medikaments während der Schwangerschaft von vornherein als kontraindiziert angeben. Sie schließen damit jegliche Haftung für mögliche bisher nicht indizierte Nebenwirkungen aus, selbst wenn eine schädigende Wirkung bisher vielleicht nicht nachgewiesen werden konnte.

Warum überhaupt Medikamente während der Schwangerschaft? - Jegliche Medikamentengabe während der Schwangerschaft basiert auf einer sorgfältigen Abwägung der Risiken. Ein Medikament, das bei dem ungeborenen Kind zu Fehlbildungen führen kann, kann für das Leben der werdenden Mutter lebensnotwendig sein. Es ist oftmals an Arzt und Patienten selbst, die Grenze zwischen „so wenig wie möglich“ und „soviel wie nötig“ zu ziehen.

Unter Umständen – in lebensbedrohlichen Situationen und bei ernsthaften Erkrankungen - kommen Ärzte aber nicht umhin, Pharmaka mit sogenanntem „teratogenen“ Risiko einzusetzen. Das heißt, Medikamente, denen in Tierversuchen unter Umständen eine fruchtschädigende Wirkung nachgewiesen wurde, die am Menschen bisher nicht bestätigt werden konnte, werden in bestimmten Situationen und bei strenger Medikationsstellung als akzeptabel angesehen, wenn sichere Pharmaka nicht zur Verfügung stehen.

Darüber hinaus sind nicht alle Medikamente in allen Abschnitten der Schwangerschaft gleich risikoreich. Bestimmte Medikamente entfalten ihre schädigende Wirkung auf das ungeborene Kind besonders während des ersten oder zweiten Drittels der Schwangerschaft, andere erst bei Einnahme im letzten Drittel. Ein Medikament muss also nicht von vornherein für die gesamte Dauer einer Schwangerschaft kategorisch abgelehnt werden.

Patienten mit Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises kennen verschiedene Medikamentengruppen zu ihrer Behandlung, die wir uns unter dem Gesichtspunkt „Kinderwunsch“ einmal genauer ansehen möchten. Grundsätzlich werden neben Cortisonpräparaten für gewöhnlich Immunsuppressiva und unter Umständen als Schmerzmittel eingesetzt.


Immunsuppressiva

Vereinfacht gesagt, Medikamente, die ein fehlgeleitetes und „überaktives“ Immunsystem schwächen bzw. die Immunreaktion unterdrücken sollen. Immunsuppressiva sind in der Behandlung rheumatischer Erkrankungen Basistherapeutika (DMARD; Disease Modifying Anti-Rheumatic Drug), werden entweder in Einzel- oder Kombinationstherapie verwendet. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass immunsuppressiv wirkende Medikamente, wenn irgend möglich, während der Schwangerschaft abgesetzt werden sollten. Einige wenige werden dennoch vereinzelt und unter sorgfältiger Abwägung der Risiken verschrieben.

Zur Orientierung nennen wir hier die Empfehlungen der Medizinischen Hochschule Hannover
(kurz MHH), Bereich Klinische Pharmakolige über die Einnahme von Medikamenten während Schwangerschaft und Stillzeit.

•    Antimalariamittel
Chloroquin und Hydroxychloroquin (Handelsnamen Resochin® und Quensyl®)
In hohen Dosen verabreicht, wiesen diese beiden Wirkstoffe In Tierversuchen ein erhebliches Fehlbildungsrisiko auf. Während der Schwangerschaft eingenommen, können sie zur Schädigung der Augen- und Gehörentwicklung des Ungeborenen führen. Bei der Behandlung von entzündlich rheumatischen Erkrankungen in relativ niedrigen Dosen konnte man das Fehlbildungsrisiko nicht belegen.

Empfehlung der MHH: Nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung erlaubt. Ansonsten Empfängnis erst 3 Monate nach Absetzen. Nicht erlaubt während der Stillzeit.

•    Azathioprin (verschiedene Handelsnamen, z. B. Imurek)
Ursprünglich Immunsuppressivum und Entzündungshemmer aus der Transplantationsmedizin, hemmt Azathioprin unspezifisch die Teilung und Vermehrung der T- und B-Lymphozyten.

Die Meinungen über eine mögliche Schwangerschaft unter Azathioprin-Therapie gehen weit auseinander. Grundsätzlich gilt, eine Therapie nur wenn unbedingt nötig fortzusetzen – aber wie definiert man „unbedingt nötig“? Azathioprin gehört zu den Pharmaka mit teratogenem Risiko, das man in bestimmten Situationen in Kauf nimmt, wenn kein sicherer Wirkstoff vorliegt.

Der Leber des Fötus fehlt das Enzym zur Umwandlung von Azathioprin in seine aktive Form, sie muss also vor Azathioprin geschützt werden. Für eine Niedrigdosierung (unter 2 mg/kg Körpergewicht) liegen keine Informationen über Fehlbildungsrisiken vor. Eine hohe Dosierung (über 2 mg/kg Körpergewicht) kann nachweislich zu Wachstumsbeeinträchtigungen beim ungeborenen Kind führen. Chromosomale Anomalien, Immunsuppression und verminderte Blutbildung beim ungeborenen Kind können die Folge sein. Und Azathioprin geht in die Muttermilch über, daher sicherheitshalber besser nicht stillen.

Wissenschaftler empfehlen aus genannten Gründen, Azathioprin nur in indizierten Fällen während der Schwangerschaft zu geben – die Dosis von 2 mg/kg täglich aber nicht zu überschreiten.

Empfehlung der MHH: Nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung. Ansonsten Empfängnis erst 6 Monate nach Absetzen. Nicht erlaubt während der Stillzeit.

•    Ciclosporin A (verschiedene Handelsnamen, z. B. Immunosporin®, Sandimmun®)
Dieser ursprünglich aus den Sporen eines Pilzes gewonnener Wirkstoff wurde zunächst in der Transplantationsmedizin eingesetzt, um Abstoßungsreaktionen gegen das übertragene Organ zu verhindern. Wie bei Azathioprin gehen die Meinungen über eine Ciclosporin-Therapie während der Schwangerschaft weit auseinander.

Erfahrungen aus Schwangerschaft und Stillzeit unter Ciclosporin-Gabe stammen zum Großteil aus der Transplantationsmedizin, bei Patienten mit rheumatischen Erkrankungen liegen keine ausreichenden Informationen vor. Verschiedene Studien belegen, dass die Fruchtbarkeit durch Ciclosporin nicht beeinträchtigt wird und dass bei einer Niedrigdosierung (unter 10 mg/kg Körpergewicht) keine erhöhte Missbildungsrate auftritt. Nach dem aktuellen Stand der Erkenntnis kann die Therapie in niedrigen Dosen während einer Schwangerschaft daher ohne Risiko fortgesetzt werden. Dosen von 25 – 100 mg/kg Körpergewicht hingegen können nachweislich embryotoxisch wirken. In verschiedenen Studien erhöhte sich bei Einnahme von Ciclosporin das Risiko einer Frühgeburt, wobei unklar ist, ob diese Tatsache auf das Medikament oder auf die Erkrankung (von meist Transplantationspatienten) zurückzuführen ist.

Ciclosporin geht in geringen Mengen in die Muttermilch über, weshalb Experten vom Stillen während der Ciclosporin-Therapie abraten.

Empfehlung der MHH: Nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung. Nicht erlaubt während der Stillzeit.

•    Cyclophosphamid
Usprünglich aus der Krebstherapie und zur Behandlung schwerer Fälle von Multipler Sklerose, gehört Cyclophosphamid zu den Alkylantien und Zytostatika. Durch Einbau von Alkylgruppen in die DNA hemmen sie die Zellteilung.

Die Cyclophosphamid-Therapie kann zu irreversiblen Schädigungen der Fruchtbarkeit beim Manne und auch bei der Frau führen (je nach Dosis). Um einer Sterilität vorzubeugen, empfehlen Wissenschaftler die Einnahme eines so genannten Gonadotropin-releasing-hormone-Agonisten. Dieser verhindert die Reifung der Follikel und schützt dadurch den Eierstock (teilweise) vor den schädlichen Effekten von Cyclophosphamid.

Die Einnahme von Cyclophosphamid während der Schwangerschaft kann zu schweren Missbildungen führen. Cyclophosphamid sollte 3 bis 6 Monate vor einer möglichen Empfängnis abgesetzt werden. Im ersten Drittel der Schwangerschaft kann der Wirkstoff zu einer Fehlgeburt führen, später kann er Wachstumsstörungen und neurologische Defekte herbeiführen. Stillen unter Cyclophosphamid ist nicht erlaubt.

Empfehlung der MHH: Nicht erlaubt während Schwangerschaft und Stillzeit, Empfängnis erst 6 Monate nach Absetzen. Achtung: Bei 10 – 40 % der Behandelten tritt eine irreversible Sterilität ein!


•    D-Penicillamin (Handelsname Metalcaptase® oder Trolovol®)
Ein Vorstoff des Penicillins und langwirksames Antirheumatikum. Nicht während der Schwangerschaft. Wegen seiner möglichen Nebenwirkungen und im Vergleich dazu begrenzten Wirksamkeit wird es heute kaum noch eingesetzt.

Empfehlung der MHH: Nicht erlaubt, da Risiko nicht auszuschließen. Nicht erlaubt während der Stillzeit.

•    Goldverbindungen
Auranofin und Natriumaurothiomalat (Handelsnamen z.B. Ridaura® und Tauredon®)
Goldverbindungen wirken auf das Immunsystem, verhindern die Ausschüttung von Botenstoffen aus Entzündungszellen. Der genaue Wirkmechanismus ist noch ungeklärt. Während der Schwangerschaft und in der Stillzeit dürfen Goldverbindungen nicht eingesetzt werden.

Empfehlung der MHH: Nicht erlaubt, da Risiko nicht auszuschließen. Nicht erlaubt während der Stillzeit.

•    Leflunomid (Handelsname: Arava®)
Unabhängig, ob der Patient weiblich oder männlich ist, sollte der Arzt Vorsicht bei der Verschreibung von Leflunomid walten lassen. Patienten sollten vor Verschreibung darauf hingewiesen werden, dass ein möglicher Kinderwunsch zum Absetzen des Medikamentes führen wird und muss und dass eine Wartezeit von ca. 2 Jahren zwischen Therapieende und Schwangerschaftsbeginn unbedingt eingehalten werden muss.

Leflunomid ist Immunsuppressivum und Basistherapeutikum bei der Behandlung von Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, speziell rheumatoider Arthritis und Psoriasis-Arthritis. Während der Schwangerschaft (und auch der Stillzeit ist Leflunomid streng kontraindiziert, d.h. darf wegen schwerer Nebenwirkungen auf gar keinen Fall eingenommen werden. Es kann zu schweren Fehlbildungen beim ungeborenen Leben führen. Vor Therapiebeginn muss daher eine Schwangerschaft unbedingt ausgeschlossen werden.

Aber es reicht nicht, die Einnahme von Leflunomid einfach abzusetzen, wenn ein Kinderwunsch besteht. Der Wirkstoff kann im Körper bis zu zwei Jahre überstehen. Ärzte empfehlen daher oftmals einen Abstand von 2 Jahren zwischen Therapie und Schwangerschaft einzuhalten. Wer nicht die erforderlichen 24 Monate warten will, kann sich eines Auswaschungsverfahrens bedienen. Hierbei wird sowohl weiblichen als auch männlichen Patienten mit Kinderwunsch nach Absetzen des Medikaments Colestyramin verabreicht, bis der Plasmaspiegel unter der Nachweisgrenze von 0,02 mg/l liegt.

Empfehlung der MHH: Nicht erlaubt. Empfängnis erst 2 Jahre nach Absetzen oder Auswaschverfahren.Nicht erlaubt während der Stillzeit.


•    Methotrexat (kurz: MTX, Handelsname: Lantarel® oder Methex®)

Bei Einnahme von MTX vor und während einer Schwangerschaft besteht ein stark erhöhtes Fehlbildungsrisiko. Es besteht daher ein striktes Verabreichungsverbot für Methotrexat in dieser Zeit. Da es vom Körper nur langsam abgebaut wird, muss das Medikament 3 – 6 Monate vor einem möglichen Schwangerschaftsbeginn abgesetzt werden. Aber auch männliche Patienten müssen bei Kinderwunsch auf MTX verzichten, denn die Schädigung von Erbgut kann schon bei der Bildung von Spermien und Eizellen stattfinden. Hinzu kommt, dass die Einnahme von MTX zu verminderter Spermienproduktion führen kann. Nach Absetzen von MTX reguliert sich dies jedoch laut Studien verschiedener Wissenschaftler. Die Fruchtbarkeit bei Frauen wird durch MTX-Gabe nicht beeinflusst.

Methotrexat ist Immunsuppressivum und Basistherapeutikum zur Behandlung von Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, aber auch anderer Autoimmunerkrankungen (siehe hierzu auch unser Artikel „Wundermittel Methotrexat?“). Dieses Medikament führt nachweislich zu Schädigungen des Erbguts und Missbildungen beim ungeborenen Kind, wenn es im ersten Drittel der Schwangerschaft eingenommen wird. Fehlbildungen betreffen das zentrale Nervensystem (Neuralrohrdefekte), die Knochenbildung an Schädel oder Skelett, die Gliedmaßen und den Gaumen. Grund für die Schädigung ist der Folsäureantagonismus des Wirkstoffs. Die Struktur von MTX ähnelt der der Folsäure. Es wirkt somit als Antagonist (Gegenspieler) der Folsäure und bindet an ihrer Stelle an bestimmte Enzyme. Es kommt zu einem starken Folsäuremangel.

Das Medikament sollte mindestens 3 Monate vor einer möglichen Empfängnis abgesetzt werden. Außerdem sollte Folsäure in der Zeit vor der Empfängnis und während der Schwangerschaft unbedingt in Dosen von 400 µg pro Tag zugeführt werden. Stillen unter MTX ist nicht empfehlenswert, da MTX in die Muttermilch übergeht.

Empfehlung der MHH: Nicht erlaubt. Empfängnis erst 6 Monate nach Absetzen. Nicht erlaubt während der Stillzeit.

•    Sulfasalazin (Handelsname Azulfidine®, Pleon®)
Sulfasalazin gilt als antirheumatisches Basistherapeutikum der ersten Wahl für Schwangere.
Sulfasalazin kann unter Umständen zu verminderter Spermienproduktion führen. Nach Absetzen der Therapie ist die Fruchtbarkeit allerdings uneingeschränkt wieder hergestellt.

Empfehlung der MHH: Während der gesamten Schwangerschaft erlaubt. Während der Stillzeit erlaubt (auf mögliche Diarrhoe achten).


•    TNF-alpha-Blocker und Interleukin-Blocker
Die TNF-alpha Blocker und Interleukin-Blocker gehören zu den Biologika (oder Biologics), einer neuen Klasse von Medikamenten. Es handelt sich um biotechnologisch hergestellte Eiweiße, die in die Immunreaktion eingreifen, indem sie vor allem Entzündungsvorgänge blockieren. In der Rheumatherapie kommen sie als Gegenspieler von bestimmten Botenstoffen des Immunsystems, den entzündungsauslösenden Zytokinen (wie Tumornekrosefaktor alpha und Interleukin) zum Einsatz. Grundsätzlich sind Biologika während einer Schwangerschaft kontraindiziert oder zumindest mit Vorsicht zu genießen. Hauptgrund hierfür ist, dass es sich um eine relativ neue Generation von Medikamenten handelt, zu deren Nebenwirkungen noch zu wenige Erkenntnisse vorliegen. Zu den TNF-alpha-Blockern zählen die Wirkstoffe:

o    Infliximab (Handelsname Remicade®)
Der von den genannten biologischen Wirkstoffen am eingehendsten untersuchte. Einige Studien haben ergeben, dass die Einnahme von Infliximab vor einer Schwangerschaft bzw. in den ersten 3 Monaten einer Schwangerschaft nicht zu einer erhöhten Missbildungsrate führt. Zwar sind in Studien Fehlbildungen aufgetreten, da die Fehlbildungsrate allerdings nicht höher lag als die für gesunde Frauen, halten einige Wissenschaftler den Einsatz von Infliximab im ersten Schwangerschaftsdrittel und im Falle eines Schubes für denkbar bzw. betrachten Infliximab als Alternative zu Kortison, wenn dieses kontraindiziert ist.

Empfehlung der MHH: Nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung. Ansonsten Empfängnis erst 6 Monate nach Absetzen. Nicht erlaubt während der Stillzeit

o    Etanercept (Handelsname Enbrel®)
Empfehlung der MHH: Nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung. Nicht erlaubt während der Stillzeit

o    Adalimumab (Handelsname Humira®)

Empfehlung der MHH: Nicht erlaubt, da keine ausreichenden Erfahrungen. Empfängnis 5 Monate nach Absetzen. Während der Stillzeit nicht erlaubt. Bis 5 Monate nach letzter Gabe nicht stillen.

Als Interleukin-Hemmer ist Anakinra (Handelsname Kineret®) auf dem Markt.

Empfehlung der MHH: Nicht erlaubt, da keine ausreichenden Erfahrungen. In der Stillzeit nicht erlaubt.


Schmerzmittel

Die meisten Schmerzmittel hemmen die Bildung von bestimmten Botenstoffen, den Prostaglandinen entweder zentral oder peripher, meist mehr oder weniger unselektiv. Doch häufig werden nicht nur die Botenstoffe gehemmt, die für den Schmerz zuständig sind, sondern auch Prostaglandine, die für Magenschutz oder z.B. das Einnisten des Embryos in der Gebärmutter zuständig sind. Verschiedene Studien belegen, dass die regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln während der Schwangerschaft – speziell während der frühen Phase – zu Schädigungen am ungeborenen Kind führen kann.

Reine Schmerzmittel
Wirken schmerz- und fiebersenkend, aber nicht entzündungshemmend.
Sie hemmen die Prostaglandinproduktion an nicht-entzündeten Körperteilen und dringen zum Teil in Rückenmark und Gehirn vor, wo sie die Schmerzwahrnehmung beeinflussen.

o    Paracetamol
Nicht opioides Schmerzmittel.

Empfehlung der MHH: Während der gesamten Schwangerschaft
und in der Stillzeit erlaubt.

o    Metamizol (z.B. Novalgin®)
Nicht opioides Schmerzmittel.

Empfehlung der MHH: Nicht erlaubt, da nicht ausreichende Erfahrungen. In der Stillzeit nicht erlaubt.

o    Codein (z.B. Codipront®)
Opioides Schmerzmittel, fällt unter das Betäubungsmittelrecht.

Empfehlung der MHH: Während Schwangerschaft und Stillzeit erlaubt, aber Vorsicht gegen Ende der Schwangerschaft wegen Atemstörungen beim Neugeborenen.

o    Morphin (z.B. Sevredol®)
Opioides Schmerzmittel, fällt unter das Betäubungsmittelrecht.

Empfehlung der MHH: Während Schwangerschaft und Stillzeit erlaubt, aber Vorsicht gegen Ende der Schwangerschaft wegen Atemstörungen beim Neugeborenen.

Zentrale Prostaglandinhemmer wie Paracetamol verhindern die Bildung von Prostaglandinen ausschließlich im Nervensystem und haben damit einen deutlichen Vorteil gegenüber peripheren. Aber selbst Paracetamol, Schmerzmittel der ersten Wahl während der Schwangerschaft, kann bei Langzeitanwendung zu starken Nebenwirkungen führen wie Leberschäden, allergischen Reaktionen und Blutbildschäden, da bei Abbau des Wirkstoffes ein toxisches Produkt entsteht.


Nicht-steroidale Antirheumatika bzw. Antiphlogistika (NSAR oder NSAID)
Wirken schmerz- und fiebersenkend sowie entzündungshemmend.
Sie hemmen die Prostaglandinproduktion vor Ort im entzündlichen Gewebe.
Man unterscheidet zwischen den klassischen unselektiven NSAR und den
selektiven NSAR der neuen Generation (COX2-Hemmer):

Unselektive NSAR (u.a.):

o    Acetylsalicylsäurederivate (Aspirin®)

Empfehlung der MHH: Nicht erlaubt während der Schwangerschaft und in der Stillzeit, da Risiko nicht auszuschließen.

o    Arylpropionsäurederivate (Ibuprofen®)

Empfehlung der MHH: Erlaubt vom 1. – 6. Monat, nicht erlaubt vom 6. – 9. Monat, da Gefahr von Kreislauf- und Nierenfunktionsstörungen. Während der Stillzeit erlaubt.

o    Arylessigsäurederivate (Diclofenac®)

Empfehlung der MHH: Erlaubt vom 1. – 6. Monat, nicht erlaubt vom 6. – 9. Monat, da Gefahr von Kreislauf- und Nierenfunktionsstörungen. Während der Stillzeit erlaubt.

Periphere Prostaglandinhemmer wie Aspirin, Ibuprofen oder Diclofenac können schwere Nebenwirkungen am Magen-Darm-Trakt hervorrufen, denn sie hemmen ein bestimmtes Prostaglandin, das für Zellaufbau und Bildung von säurebindenden Stoffen erforderlich ist.

Studien haben ergeben, dass die Einnahme von NSAR die Fruchtbarkeit bei Frauen vorübergehend herabsetzen kann. NSAR hemmen das körpereigene Enzym Cyclooxygenase und können somit auch den Eisprung verzögern oder gar verhindern. Bei Kinderwunsch könnte es angebracht sein, die NSAR-Therapie vorübergehend zu unterbrechen. Die Fruchtbarkeit von Männern wird unter NSAR-Therapie nicht beeinträchtigt.

NSAR wie Ibuprofen und Diclofenac sollten nur bis zur 32. Schwangerschaftswoche eingenommen werden (Ende des zweiten Drittels). Eine Einnahme nach diesem Zeitpunkt könnte Schädigungen beim ungeborenen Kind zur Folge haben, bei der Mutter zu einer verlängerten Schwangerschaft und Geburt und verstärkter Blutung führen.

NSAR wie Meloxicam (Handelsname Mobec®), Naxopren, Indometacin und Piroxicam sowie zu den NSAR der neuen Generation (COX2-Hemmer bzw. Coxibe) wie Celecoxib (Handelsname Celebrex®) oder Etoricoxib (Handelsname Arcoxia®) sind laut Empfehlungen der MHH nicht erlaubt während der Schwangerschaft und in der Stillzeit, da nicht ausreichende Erfahrungen hierzu vorliegen.


Steroidale Antirheumatika (Kortikosteroide)

Cortison, Glukokortikoide und Steroide sind verschiedene Namen für dieselbe Medikamentengruppe. Glukokortikoide haben viele Wirkungen. In der Rheumatherapie bzw. in der Therapie von Autoimmunerkrankungen macht man sich ihre immunsuppressive und entzündungshemmende Wirkung zunutze.

Oftmals ist die Behandlung mit steroidalen Antirheumatika unvermeidlich, um schwere Krankheitsschübe zu verhindern. Die Behandlung von Gelenkentzündungen mittels Cortisongabe ist während der gesamten Schwangerschaft möglich, wenn auch die Dosis möglichst gering gehalten werden sollte – hohe Dosen (1 – 2 mg/kg) sind während des ersten Schwangerschaftsdrittels nicht empfehlenswert. Die Einnahme ist auch in der Stillzeit möglich. Allerdings geht Cortison nachgewiesenermaßen in die Muttermilch über.

o    Prednisolon (z. B. Decortin®H) oder Prednison (z. B. Decortin®)

Empfehlung der MHH: Während der gesamten Schwangerschaft erlaubt. Dosis nach Möglichkeit nicht über 15 mg / Tag. Während der Stillzeit erlaubt. Wenn die Dosis über 20 mg  liegt, anschließend mit dem Stillen 4 Stunden warten.

o    Andere Glukokortikoide wie Calcort oder Spiricort

Empfehlung der MHH: Nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung. Nicht erlaubt in der Stillzeit.


Wenn nicht gestillt wird, können alle antirheumatischen Medikamente nach der Geburt ohne Einschränkung wie vor der Schwangerschaft wieder eingesetzt werden. Wenn gestillt wird, heißt es, Vorsicht walten zu lassen. Fast jeder Arzneistoff findet sich in messbaren Konzentrationen in der Muttermilch wieder. Die Menge des Arzneistoffes, die in die Muttermilch übergeht, ist abhängig von verschiedenen individuellen Faktoren wie der Konzentration im mütterlichen Blut, der Durchblutung der Brustdrüsen, dem Fettgehalt der Milch und dem Eliminationsprozess in der Mutter. Optimal ist daher sicherlich, während der Stillzeit eine nicht-medikamentöse Therapieform zu wählen oder – wenn das nicht möglich ist – einen „stillverträglichen“ Arzneistoff zu wählen. Unter Einnahme von Medikamenten bestimmter Arzneistoffgruppen, wie Zytostatika und Immunsuppressiva (mit Ausnahme von Sulfasalazin), sollte allerdings unbedingt auf das Stillen verzichtet werden.

Eine Schwangerschaft ist und bleibt für Rheumapatientinnen ein Risiko - und ist nicht ohne enge Zusammenarbeit zwischen Rheumatologen und Geburtshelfern möglich. Das muss aber niemanden davon abhalten, einen Kinderwunsch in die Tat umzusetzen. Leichtsinn ist wie immer strafbar, eine gute Planung Voraussetzung für eine komplikationsfreie Schwangerschaftszeit und ein gesundes Kind.

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