„Gene und die menschliche Natur“

Ein Neurobiologe, ein Psychologe und ein Evolutionsgenetiker – die Herren Lewontin, Rose und Kamin setzten sich in ihrem Buch „Die Gene sind es nicht…“ in den 80er Jahren mit dem biologischen Determinismus auseinander, analysierten Testmethoden und deterministische Denkansätze.

Deterministen beschreiben menschliches Leben und Verhalten als eine unausweichliche und unabänderliche Folge der Biochemie der menschlichen Zellen – im speziellen der Gene eines Individuums. Der biologische Determinismus geht davon aus, dass die Gene unter anderem für Persönlichkeitsentwicklung, Intelligenz und soziales Verhalten eines Menschen verantwortlich sind. Die Biologie oder die Gene an sich sind in diesem Zusammenhang etwas Unausweichliches. Jahrelang machten es sich Deterministen sehr einfach, indem sie ihre Ideologie als etwas Naturgegebenes darstellten, denn um die Biologie lasse sich nun mal nicht streiten.

Vereinfacht dargestellt wurden mit dieser einfachen Grundthese seit Zeiten gedenken Ungleichheiten in Bezug auf Status, Besitz und Macht und somit die Diskriminierung von Geschlechtern, Klassen, Rassen und Randgruppen (beispielsweise die der psychisch Kranken) gerechtfertigt. So wurde die Tatsache, dass seit Generationen Frauen nicht dieselben Rechte wie Männer und Schwarze nicht dieselben wie Weiße haben mit ihrer unterschiedlichen genetischen Ausstattung erklärt und legitimiert. Maßnahmen zum Ausgleich sozialer Ungerechtigkeit wurden als „zuwider der Natur“ bezeichnet, da diese Ungleichheiten ja biologisch vorbestimmt seien.

Die Thesen des biologischen Determinismus sind einfach: Soziale Ungleichheiten sind die Folge unterschiedlicher Verdienste und Fähigkeiten. Erfolg oder Versagen liegen in den Genen, Fähigkeiten werden daher an die Folgegeneration vererbt. Diese biologischen Unterschiede führen zur Schaffung hierarchischer Gesellschaften, weil das eben die Natur des Menschen ist.

Wer in der Schule Themen wie Evolution, Selektion und Mutation auf dem Stundenplan hatte, kennt sie noch, die Aussage, der Organismus sei aufgrund evolutionärer Prozesse umweltangepasst. Und genetische Rekombination, Mutation und natürliche Selektion erschaffen einen Organismus, der einzig und allein das Ziel optimaler Fortpflanzungsfähigkeit verfolgt. Alles dreht sich um die Anpassungsfähigkeit an die Umwelt (survival of the fittest). Diese Evolutionstheorie hat sich in unser Gehirn eingebrannt, dabei blieb keine Zeit für Überlegungen, ob diese Sichtweise der Dinge ausreichend Aufschluss über die Entstehung und Entwicklung auch von Persönlichkeitsmerkmalen geben kann…

Mit zahlreichen Methoden und verschiedensten Ansätzen wurde über Jahrzehnte versucht, die Vererblichkeit sozialer Eigenschaften zu belegen: Zwillingsstudien, Adoptionsstudien, IQ-Messungen zum Beweis für die Vererbung von Intelligenz… Es gab reichlich Ansätze, aber die Ergebnisse waren nicht zufriedenstellend, meist unzulänglich in Durchführung und Repräsentativität.

IQ-Tests, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelt, um einzig und allein den Erfolg an einer Schule vorherzusagen, da sie sich damals und meist auch heute noch an Inhalt und Situation an einer Schule orientierten, wurden über Jahre zweckentfremdet, um unter anderem Menschen mit vermeintlichen genetischen Defekten auszulesen und ihre Diskriminierung zu legitimieren.

Befürworter der Intelligenzmessung gingen davon aus, dass es Unterschiede in Status, Besitz und Macht gebe, die eine Folge innerer Begabung seien, welche durch Intelligenztests messbar gemacht wird. Intelligenz sei weitestgehend eine Folge der Gene, daher seien auch Klassenunterschiede genetisch bedingt und unveränderlich. Soziale Macht wäre daher logischerweise – laut Befürwortern des Intelligenztests - vererbbar. – Doch die Definition von Intelligenz ist mehr als nur schwierig. Was ist normal, was eine hohe Intelligenz? Und führt eine solche „hohe Intelligenz“ automatisch zu wirtschaftlichem Erfolg? Die Autoren sind sich einig, dass es für eine Gesellschaft einfach ist, Forderungen zu umgehen, indem man ihre Legitimation in Frage stellt. Wenn Schwarze durch ihre Biologie nicht in der Lage wären, hochabstrakte Problem zu lösen, Frauen aufgrund ihrer Biologie und der durch Evolution in den Genen verankerten männlichen Dominanz dem männlichen Geschlecht unterlegen wären, wenn weniger „intelligente“ Menschen oder Kriminelle unter Hirnschädigungen litten (die sich durch Psychochirurgie und Psychopharmaka behandeln ließen) – wären ihre Forderungen nach Gleichheit dann noch gerechtfertigt?

Adoptions- und Zwillingsstudien sollten Aufschluss über die Vererbbarkeit von persönlichen Eigenschaften, Intelligenz – aber auch von psychischen Krankheiten – wie Depressionen, Schizophrenie und minimaler cerebraler Dysfunktion - geben: Ähneln sich Geschwister oder Verwandte, obwohl sie getrennt voneinander aufgewachsen sind? Sind sich zwei biologische Geschwister ähnlicher als Adoptiv- und biologisches Kind? Ähneln sich eineiige Zwillinge mehr als zweieiige?

Um derlei Studien verlässlich durchzuführen, muss sichergestellt sein, dass die Umwelt keinerlei Einfluss auf die untersuchten Personen hat, dass sie also in allen Fällen konstant gehalten wird. Aber wie die Autoren mehr als einmal belegen, machen unzureichende Stichprobenzahlen, subjektive Beurteilungen, selektive Adoptionen und vor allem eine mangelhafte Trennung von angeblich „getrennt aufgewachsenen“ Zwillingen eine verlässliche Aussage meist unmöglich. Das Leben ist eben doch kein Labor, in dem man die Randbedingungen ideal vorgeben kann. Verwandte ähneln einander nicht nur, weil sie gemeinsame Gene, sondern auch, weil sie gemeinsame Umwelten haben (Familie, soziale Schicht, Erziehung, Sprache).

Kritiker des Determinismus gelangten zu der Überzeugung, dass nicht allein die Wirkung der Gene, aber auch nicht allein die Wirkung der Umwelt (wie kulturelle Deterministen annehmen) bei uns Menschen maßgeblich für Persönlichkeits- und Intelligenzentwicklung sind, sondern die Wechselwirkung zwischen Genen, Umwelt, Organismus und Gesellschaft der alles entscheidende Faktor ist. Und - was viele Jahre von Wissenschaftlern außer Acht gelassen wurde: Menschen und andere Organismen gestalten Ihre Umwelt aktiv mit beziehungsweise verändern sie durch ihre Lebenstätigkeit.

Gegner des Determinismus beschäftigen sich viel mit dem Widerlegen einzelner Aspekte des Determinismus. Können sie eine zufriedenstellende Erklärung bieten? Sie sind der Überzeugung, dass die Zusammenhänge zu komplex sind, um sie auf Teilaspekte wie Gene oder Umwelt herunterzubrechen. Sie betrachten beides nicht voneinander getrennt. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf den Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Aspekten. Sie sind überzeugt, dass Menschen (und andere Organismen) keine passiven Individuen sind, denen eine Umwelt aufdoktriniert wurde, sondern dass sie - und die Gesellschaft - ihre Umwelt aktiv verändern, sie also nicht Opfer der Umstände sind.

Deterministische Aussagen wie „die menschliche Natur lässt sich nicht ändern“ treffen hierbei also auf freiheitliche Aussagen wie „es liegt in der menschlichen Natur, ihre Geschichte zu gestalten“ - Zwei Sichtweisen wie sie gegensätzlicher scheinbar nicht sein könnten.

Lewontin, Rose und Kamin gelangten in ihrem Buch zu dem Schluss, dass es bis heute niemandem gelungen ist, irgendeinen Aspekt des menschlichen Sozialverhaltens mit einem bestimmten Gen (oder einer Gruppe von Genen) in Beziehung zu setzen. So wie Wissenschaftler schon Jahre zuvor herausfanden, dass keinerlei Zusammenhang zwischen der Größe des Gehirns und der Intelligenz bzw. Gedächtnisleistung eines Menschen existiert. – So einfach ist es eben nicht.

Psychologisch betrachtet könnte die Botschaft für einfach, positiv und optimistisch sein: Wir sind frei und nicht vorbelastet durch unsere Gene. Es liegt an uns, etwas aus unserem Leben zu machen. Wir sollten die uns zur Verfügung stehenden Chancen nutzen und Unglück, Ungleichheit und Diskriminierung nicht als gegeben hinnehmen. Und wir bestimmen unsere Gesellschaft und unsere Umwelt mit, im positiven wie im negativen Sinne. Wenn wir nur Schlechtes von unseren Mitmenschen erwarten, wird das unser Verhalten in der Weise beeinflussen, dass uns womöglich tatsächlich Böses widerfährt – und hoffentlich auch umgekehrt.

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